Sie wollen eine neue FDP

Seit der Bundestagswahl treten immer mehr Schüler, Auszubildende und Studierende den Jungen Liberalen bei. Sie wollen helfen, ein neues Image der FDP aufzubauen. Vor allem mit Themen, die Junge bewegen.

Das Plakat steht wie ein öffentlicher Wunschzettel vor dem Eingang der Berliner FDP-Landeszentrale: „Wir wollen größer werden“, ist in blauer Schrift auf gelben Grund zu lesen, gerahmt in einem Aufsteller. Noch immer pendelt die FDP in Umfragen um die fünf Prozent. Seit der Bundestagswahl hat sie aber mehr Mitglieder gewonnen, als gegangen sind. Und auch bei der ihr nahestehenden Jugendorganisation, den Jungen Liberalen (Julis), ist ein wachsender Trend zu beobachten. Immer mehr junge Menschen treten der Jugendorganisation bei. 70 neue Mitglieder, hauptsächlich junge Männer, haben die Berliner in den vergangenen sechs Monaten für sich gewonnen. Das sind mehr als drei Mal so viele neue Julis wie im ganzen Jahr 2012.

Nach einschneidenden Ereignissen, wie das Scheitern der FDP bei der Bundestagswahl, steigen oft die Mitgliederzahlen, so der Politikwissenschaftler Nils Diederich. Menschen, die die Partei seit Jahren wählen, wollen sie damit unterstützen. Aber wieso engagieren sich junge Menschen für eine Partei, die so unbeliebt ist?

Durch die Julis die FDP gestalten

Johannes Zabel, den alle nur James nennen, hat eine ganz klare Antwort: „Ich bin nicht dem FDP-Wrack 2013 beigetreten“, sagt der 18-jährige Schüler aus Marzahn-Hellersdorf. Zabel ist Mitglied geworden, um bei der Neuorientierung der Partei mitzuwirken. Eine Antwort, die die viele Neumitglieder geben. Dass die Julis das Programm der FDP prägen können, haben sie mehrmals bewiesen. Das prominenteste Beispiel der vergangenen Wahlperiode ist wohl die Abschaffung der Wehrpflicht. Sie war zunächst eine Forderung der Jungen Liberalen, die die FDP in der Regierungskoalition umsetzte. Auch die Berliner FDP hat vor Monaten eine Julis-Forderung aufgegriffen. Sie setzt sich jetzt dafür ein, Cannabis zu legalisieren. Das war alles noch vor Zabels Mitgliedschaft. Er ist seit drei Monaten dabei und will nun auch Themen in die FDP heben.

Zabel erinnert aus der Ferne an den ehemaligen FDP-Vorsitzenden Philipp Rösler. Er ist klein, hat kurzes dunkles Haar, eine Brille mit schmalen Gläsern. Der Berliner Schüler sitzt in der ersten Reihe auf dem Julis-Landeskongress, der vergangenes Wochenende in der Berliner FDP-Landeszentrale nahe der Friedrichstraße tagte. Seit der Bundestagswahl ist das so. Im Eingangsbereich, zwischen Büromöbeln und Kopierern, haben die Julis einige Stuhlreihen aufgebaut, gleich neben der offenen Küche ein Rednerpult. Dass die Jungen Liberalen sich hier treffen, ist bezeichnend für die derzeitige Situation der Partei. Die FDP ist seit 2011 nicht mehr im Berliner Abgeordnetenhaus vertreten, seit 2013 nicht mehr im Bundestag. Deswegen haben auch die Julis keinen kostenlosen Zugang zu Räumen in Bezirksrathäusern, wo sie früher tagten.

Es ist der zweite Kongress bei dem Zabel dabei ist. Zum ersten Mal hat er selbst einen Antrag für das Programm der Berliner Julis gestellt. Er ist nervös, sagt er, anmerken, lässt er sich nichts. Der Schüler geht zum Rednerpult, greif souverän  das Mikro, hinter ihm auf der Leinwand, steht der Text: Antrag Nr. 013 Verkauf an Feier- und Sonntagen freigeben. Zabel betont kurz, wie viel Bürokratie es durch dieses Verbot gebe – eben eine ganz liberale Argumentation. Dann sagt er noch: „Keiner sollte bestimmen wie ein Ruhetag auszusehen hat. Der ein oder andere entspannt vielleicht gerne beim Einkaufen.“ Lautes Lachen. Applaus.

Als abgestimmt wird, sitzt Zabel wieder in der ersten Reihe. Er muss sich umdrehen, um die anderen zu sehen. Fast alle halten ihren Stimmzettel in die Luft. Es ist eine absolute Mehrheit. Zabel zieht die Siegesfaust.

Die Mehrheit der Jugend ist nicht liberal

Der 18-järige Schüler und die anderen Neumitglieder widersprechen dem Bild einer Generation, die bekannt für ihre Parteiverdrossenheit ist, und laut der Shell Jungendstudie sich mehrheitlich links von der Mitte sieht. Die neuen Julis bekennen sich offen zum Liberalismus, verbringen gerne ihre Freizeit in der Partei. Politisch interessiert waren die meisten schon vorher. Zabel hat sich im vergangenen Jahr bei den Piraten engagiert. Die seien ihm aber zu links geworden, erzählt er.

Zabel ist nicht der einzige, der aus einer anderen Jungendorganisation kommt und liberalen Halt bei den Julis sucht. Einige waren zuvor bei der Jungen Union und fühlten sich dort nicht wohl, einige sind aufgrund des Linksrucks in der CDU zu den Julis gewechselt: Mindestlohn, die Rente mit 63, das sei zu links, meint ein 15-jähriges Neumitglied. Dass nun Fronten zwischen Neuen entstehen, die die FDP auf einen Kurs mit der SPD vorbereiten wollen, wie Zabel es will, und denen, die die FDP weiter auf neoliberalen Kurs sehen, sieht der Berliner Vorsitzende Mitja Schulz nicht. Schon immer gibt es in der FDP-Jugendorganisation unterschiedliche Meinungen. Das werde jetzt nicht verstärkt.

Obwohl Zabel erst seit wenigen Wochen Mitglied ist, ist er schon Beisitzer im Bezirksverstand Nordberlin, und stellvertretender Vorsitzender vom Landesfachausschuss der Julis, der Ausschuss der sich um die Programmatik der Jungen Liberalen kümmert. Dass viele Junge mit der FDP nichts anfangen können, nimmt Zabel sportlich: „Meine politischen Interessen sind gerade auf Minderheitenkurs“, sagt er und lacht. Er trage daher gerne seine Meinung offen zur Schau. Dadurch führe er oft interessante Diskussionen.

Auf dem Landeskongress trägt Zabel ein T-Shirt mit dem blauen Schriftzug #Freiheit, ab und an schreibt er etwas mit einem gelb-blauen FDP-Kugelschreiber auf ein Stück Papier, um seinen Hals baumeln blaue Kopfhörer, auch von der FDP; als hätte die Partei ihn persönlich eingekleidet.

Der Zulauf, wie der Berliner Landesvorsitzende Mitja Schulz den Mitgliederzuwachs nennt, ist für ihn der Beweis, dass liberale Ideen Zukunft haben, aber bislang schlecht verkauft wurden. Ihm ist klar, dass die FDP in ihrer Regierungszeit zu wenig aus ihrem Wahlprogramm umgesetzt hat – das kritisiere er. Nun müsse die Partei aber nach vorne blicken und die Ideen der FDP besser kommunizieren.

Trotz des Zuwachses bleiben die Berliner Julis im Vergleich zu anderen politischen Jugendorganisationen klein. Derzeit zählen sie etwa 320 Mitglieder. Die Jungsozialisten, als größte Jugendorganisation Berlins, haben 4000 Mitglieder; gefolgt von der Jungen Union mit 2700, der Grünen Jugend und der Linksjungend mit je 400 Mitgliedern. Dennoch: Die steigenden Mitgliederzahlen der Julis sind ein Phänomen, das sich in fast allen Bundesländern vollzieht. Viele Verbände erzählen, den Jungen ginge es auch um Themen, die die Jugend bewegen. Das will auch Zabel.

Ein neues Image der FDP soll her

„Ich bin’s schon wieder“, sagt Zabel, der wieder hinterm Rednerpult steht. Dieses Mal stehen hinter ihm die Worte: Einführung des Fachs „Politik und Wirtschaf“ im Berliner Rahmenplan. Er kritisiert, dass Schüler zu wenig politisches Wissen haben. Deswegen bräuchte es ein neues Schulfach.

„Schule ist derzeit ein sehr starrer Ort, den Schüler wenig mitgestalten können“, sagt Zabel später. Das wolle er ändern, und er klingt dabei, als wäre er schon lange im Politikgeschäft. Er wird noch darüber philosophieren, wieso Parteien ein guter Ort seien, um die eigenen Ideen umzusetzen, die Beine übereinandergeschlagen, die Hände leicht in der Luft wiegend.

Kurz vor 15 Uhr kommen zwei 16-jährige Neumitglieder herein und setzen sich in die letzte Reihe an den Rand. Sie sind zum ersten Mal auf einem Landeskongress. Seit zehn Uhr tagen die Julis schon, drei Stunden wird es noch dauern. Die zwei Schüler sehen noch wie die Mehrheit für das neue Schulfach stimmt, danach kommt Zabel mit einem Erfolgslächeln auf sie zu. Dass seine Idee für ein neues Schulfach, die Julis überzeugt hat, freut ihn. Denn Bildung ist sein Steckenpferd und wenn es nach Zabel ginge, soll es auch das der FDP werden. „Im Programm der Julis steht es drin“, sagt er zu den beiden 16-Jährigen, die sich auch für Bildungspolitik interessieren. „Jetzt müssen wir nur noch die FDP nerven.“