Der liberale Ober-Hipster

Mitja Schulz ist seit einem Jahr Vorsitzender der Jungen Liberalen in Berlin. Am Sonntag will er erneut kandidieren. Obwohl seine Partei ihr schlechtes Image pflegt.

Mit durchdringendem Blick guckt Mitja Schulz seinen Mitbewohner Robert an. Soll er es der Reporterin zeigen? „Vielleicht ist es besser, es nicht öffentlich zu machen“, antwortet der. Die beiden Jungen Liberalen lachen schelmisch. „Mich würde schon interessieren, was es für eine Reaktion gibt, wenn er es erfährt“, antwortet Mitja Schulz, „der wird das locker nehmen.“

Der, das ist Martin Lindner, der Berliner Landesvorsitzende der FDP. Einst hat ihn die Opposition als eierschaukelnden Macho beschimpft. Und Harald Schmidt kündigte ihn in seiner Sendung als jemanden an, der aussieht wie einer von der FDP. Die Haare nach hinten gegelt, Anzug und Krawatte, etwas grimmig drein blickend. So warb Martin Linder auf dem Plakat für die Bundestagswahl 2013 für die FDP. Auf den Wahlplakaten, die bei Mitja Schulz in der Küche hängen, zeigt Lindner ein sympathisches Gesicht.

Sympathische Politiker sind etwas, das nur wenige mit der FDP verbinden. Aber eine Partei braucht sie, um Bürger zu gewinnen. Die Berliner Julis sind daher froh, Mitja Schulz in ihrer ersten Reihe zu wissen.

Im vergangenen Februar haben sie ihn mit 97 Prozent zu ihrem Vorsitzenden gewählt. Auch, weil er nicht dem FDP-Klischee entspricht, sondern dem Typ Everybodys-Darling. Mitja Schulz, freundliches Lachen, 23 Jahre alt, würde nie im Anzug zu einer Sitzung gehen. Lieber trägt er T-Shirts und Wollpullover, eine schwarze Hornbrille und wuscheliges Haar. Er ist der Ober-Hipster der Julis, wie Josephine Dietzsch ihn nennt, Bundesvorsitzende der liberalen Hochschulgruppe.

Aber auch ein Sympathieträger der Julis, bekommt zu spüren, wie schlecht das Image der FDP derzeit ist.

„Weißt du noch, als wir vergangenes Jahr auf der Hanfparade waren?“, fragt Mitbewohner Robert, der wie alle in der Vierer-WG Mitglied der Julis ist. Mitja Schulz hat es nicht vergessen. Gemeinsam mit etwa Tausenden Menschen zogen sie durch Berlins Mitte, um die Legalisierung von Cannabis zu fordern. Mit Schildern wie „Macht die Dealer arbeitslos“ kämpften sie für einen Coffeshop am Görlitzer Park, mit dem Slogan „Mehr Mut, mehr Markt, mehr Gras“, der dem FDP-Wahlkampfspruch ähnelt, setzten sie auf der Demo ihre liberale Note. Die wollte aber keiner. Mehrere Demonstranten forderten sie auf zu gehen.

„Es ist nicht immer leicht, eine Partei zu vertreten, die so unbeliebt ist“, sagt Mitja Schulz. Es sei schade, dass sie nicht einmal akzeptiert werden, wenn es um ein gemeinsames Ziel ginge. Derzeit kritisieren die Julis die Initiative „100% Tempelhofer Feld“. Sie fordern auf drei Viertel der Fläche Wohnungen zu bauen. So soll die schlechte Wohnsituation in Berlin verbessert werden.

Man könnte Mitja Schulz zum sozial-liberalen Flügel der Partei zählen. Bei dem Wort „sozial-liberal“ regt sich jedoch Widerstand in der FDP-WG. „Solche Bezeichnungen öffnen nur Gräben. Jedes Thema muss unvoreingenommen angegangen werden“, sagt Mitja Schulz, der mit seinen Mitbewohnern am Küchentisch sitzt, auf dem eine Plastik von Altvater Adenauer auf einer Kaffemaschine steht. Adenauer trägt eine gelbe Brille beklebt mit Bierkrügen.

Sich als FDP nur an die Union zu binden, findet Mitja Schulz gestrig. Es verbaue Möglichkeiten, Politik zu gestalten. Mitja Schulz hat viel Kritik an der FDP. Das gehört zum Julis-Dasein dazu. Und die Julis haben viele Wendungen für ihr Selbstverständnis. Sie nennen sich: Motor der FDP, der liberale Kompass, die Hefe oder auch der Stock im Arsch der Partei.

Als die FDP aus dem Bundestag flog, gehörte Mitja Schulz nicht zu denen, die Tränen vergossen. „Es war zwar bitter, aber es ist auch eine Chance für uns“, sagt er. Allerdings sei es nicht überraschend gewesen, wenn er an die Umfragen der vergangenen Jahre denke. Sein Großvater, der als einziger in seiner Familie Mitglied der FDP ist, sah es ebenfalls gelassen. Die Partei hätte schon Schlimmeres durchgemacht, sagte er seinem Enkel.

Dass die Julis nach dieser Niederlage nicht in ein Loch fielen, sondern sogar immer mehr junge Menschen der Jugendorganisation beitreten, rechnen Wegbegleiter Mitja Schulz und den anderen Mitgliedern im Vorstand hoch an. 30 Neuzugänge hatten sie seit der Bundestagswahl; etwas das Mitja Schulz Zulauf nennt. 350 Julis engagieren sich in Berlin. Sie wollen die FDP umkrempeln. Ihr erstes Ziel: Die Basis in den Ortsverbänden stärken. Für mehr Mitbestimmung der Mitglieder sorgen.

Auch wenn Mitja Schulz am 9. Februar erneut als Vorsitzender kandidiert, eine Parteikarriere in der FDP – davon hält er nichts. Der Student der Geschichte will später an einer Hochschule forschen und lehren. Wenn das nicht klappt zum diplomatischen Dienst. Dennoch wolle er sich jetzt politisch engagieren, sagt er und zitiert mit eigenen Worten den Historiker Fritz Stern: „Jeder Historiker muss sich in der Gegenwart einbringen, um die Vergangenheit zu verstehen.“ Mitja Schulz schiebt seinen eigenen Aussagen gerne fremde Zitate hinterher. Am liebsten Loriot. Auch der hatte etwas zum Liberalismus zu sagen: „Im liberalen Sinne heißt liberal nicht nur liberal.“

Mitja Schulz öffnet die Tür zur WG-Küche. Ein typisches Altbauzimmer mit hohen Decken, eine kleine Tür zur Speisekammer, ein eingebautes Regal in der Wand, über dem die gehüteten Wahlplakate hängen, beschmiert mit schwarzem Filzstift. Mitja Schulz hat sie aus der FDP-Landeszentrale entführt. Auf dem linken Plakat trägt Martin Lindner wie Robin Hood einen Hut mit Feder und einen dünnen, gezwirbelten Schnurrbart, auf dem rechten hat er Katzenöhrchen und voluminös-geschwungene Lippen.